
Miasanrot
·3. April 2025
Max Eberl beim FC Bayern: Kritik zur Unzeit

Miasanrot
·3. April 2025
Die Diskussion um Sportvorstand Max Eberl nimmt an Fahrt auf. Dabei zeigt ein genauer Blick: Vieles spricht derzeit eher für als gegen den 51-Jährigen beim FC Bayern.
Seit gut einem Jahr ist Max Eberl Sportvorstand des FC Bayern. Die Aufgabe, die er übernommen hat, war alles andere als einfach: zahlreiche auslaufende Verträge, eine unklare sportliche Linie und die Nachwehen teurer Personalentscheidungen früherer Jahre.
In dieser Gemengelage sollte Eberl eine Mannschaft sportlich neu aufstellen – strategisch, strukturell und möglichst schnell. Nun steht er bereits in der Kritik. Manche Medien sprechen sogar davon, dass seine Zukunft infrage steht.
Es soll interne Spannungen geben, vor allem mit dem Aufsichtsrat rund um die Altvorderen Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge. Die Kritik trifft Eberl zu einem Zeitpunkt, an dem der Verein so ruhig wie lange nicht wirkt – und sie wirft grundsätzliche Fragen auf: Um was geht es eigentlich? Und woran wird Eberls Arbeit gemessen?
Fangen wir mit der Transferbilanz an: Die weist vergangenen Sommer unter Max Eberl ein Minus von rund 65 Millionen Euro aus – die höchste Negativbilanz seit der Saison 2019/20. Auf den ersten Blick wirkt diese Zahl wie ein Beleg für übermäßige Ausgaben, aber völlig obszön war es nicht.
Mit Michael Olise kam ein Spieler aus der Premier League, der für englische Verhältnisse zu einem vernünftigen Preis verpflichtet wurde und sportlich total überzeugt. Seine Kreativität und Spielfreude haben der Offensive des FC Bayern neue Impulse verliehen und machen den 23-Jährigen bereits jetzt unverzichtbar. Auch die Verpflichtungen von Torwarttalent Jonas Urbig, Tom Bischof, sowie Hiroki Itō, der bislang verletzungsbedingt kaum in Erscheinung treten konnte, lassen auf eine mittelfristig ausgerichtete Kaderpolitik schließen und könnten dem FC Bayern in Zukunft viel Freude bereiten.
Eine der zentralen sportlichen Entscheidungen betraf die Defensive: Statt Matthijs de Ligt als Abwehrchef zu etablieren, setzte Eberl auf das Duo Dayot Upamecano und Minjae Kim. Beide bringen andere Qualitäten mit, passen besser zum Kompany-Stil eines aktiven, hochstehenden Spiels – und bildeten, soweit verletzungsfrei, ein stabiles Innenverteidigerpaar. Diese Weichenstellung war mutig, aber sportlich nachvollziehbar und bislang weitgehend erfolgreich.
Zumal Eberl auch plante, mit Jonathan Tah die Defensive weiter zu stärken – und die Konkurrenz beiläufig zu schwächen. Nach Informationen von Sky sah man im Aufsichtsrat aber keinen Bedarf für weitere Verteidiger.
Deutlich kritischer wird in diesem Zusammenhang auch die Verpflichtung von João Palhinha gesehen. Der Portugiese hat viel Budget gebunden, spielt unter Vincent Kompany bisher aber kaum eine Rolle.
Gleichzeitig wurde auch auf der Abgangsseite solide gearbeitet. Durch Verkäufe und Leihgeschäfte konnte der Kader verschlankt und Einnahmen generiert werden. Sollte Tottenham die Kaufoption bei Mathys Tel ziehen, winken dem FC Bayern zusätzlich bis zu 55 Millionen Euro – ein potenzieller Jackpot, der den Transferausgaben eine langfristige Perspektive entgegenstellt. Allerdings auch noch keine sichere Einnahme.
Von einem umfassenden Umbruch kann noch keine Rede sein – doch die Grundlagen dafür sind gelegt. Die entscheidende Frage lautet nun, wie dieser Weg konsequent weitergegangen werden soll. Denn tiefgreifende personelle Veränderungen im Kader lassen sich in der Regel nicht mit Sparvorgaben vereinbaren – ein Umbruch kostet meist erst einmal Geld.
Die langwierige Trainersuche war sicher kein Glanzstück. Der Prozess wirkte unkoordiniert, Namen kamen und gingen – von Tuchel über Nagelsmann bis zu Rangnick. Vor allem hinterließ der Ablauf nicht den Eindruck, dass es eine klare Idee von der zukünftigen Ausrichtung gibt.
Doch das Ergebnis ist sportlich überzeugend: Vincent Kompany bringt eine klare Idee, fördert Offensivfußball, lässt einen aktiven, mutigen Fußball spielen. Spieler wie Kimmich oder Davies blühen unter ihm wieder auf. Und vor allem: Kompany bringt Ruhe und Klarheit in eine Position, die in München zuletzt zu oft zur Problemzone wurde.
Hier zeigt sich auch Eberls Mut. Kompany war nicht seine erste Idee, aber eine konsequente Entscheidung – für ein Spielmodell und für ein neues Kapitel. Rückblickend wirkt der Trainerwechsel – so zäh der Prozess auch war – wie ein Wendepunkt für den FC Bayern.
Ein weiterer Erfolg: zentrale Spieler langfristig zu binden. Jamal Musiala, Joshua Kimmich, Alphonso Davies – allesamt wichtige Leistungsträger, allesamt heiß umworben, und dennoch beim FC Bayern gehalten. Auch Manuel Neuer und Josip Stanišić verlängerten ihre Verträge. Der Preis dafür: hohe Gehälter, die intern als problematisch angesehen werden.
Die Kritik an Eberl greift an dieser Stelle zu kurz. Die aus dem Gleichgewicht geratene Gehaltsstruktur ist keineswegs neu, sondern ein Erbe früherer Entscheidungen. Es ist nachvollziehbar, dass Leistungsträger wie Musiala, Kimmich oder Davies nicht schlechter verdienen wollen als ihre Kollegen – eine Dynamik, die sich in einem Kader dieser Größenordnung kaum vermeiden lässt. Und sie wird den Verein auch künftig begleiten: Mit Dayot Upamecano steht bereits die nächste Vertragsverlängerung an, bei der ein zentraler Spieler Anspruch auf ein angepasstes Gehaltsniveau erhebt.
Hinzu kommt Eberls Fähigkeit, tragfähige Beziehungen zu Spielern aufzubauen – ein entscheidender Faktor bei den jüngsten Vertragsverlängerungen. Spieler wie Alphonso Davies und Joshua Kimmich hatten über längere Zeit ein belastetes Verhältnis zum Verein, das eine Einigung erschwerte. In der Vergangenheit hätte man auf solche Situationen womöglich mit Druck oder öffentlichem Nachdruck reagiert – ein zurückgezogenes Vertragsangebot und die Abteilung Attacke – was nicht selten eine Eskalation brachte. Eberl hingegen wählte den diplomatischen Weg: Er moderierte das Thema mit Geduld und Sachlichkeit. Ein stiller Erfolg, der sportlich wie atmosphärisch nicht zu unterschätzen ist.
Ein weiteres Beispiel für Eberls Gespür im Umgang mit sensiblen Personalfragen ist die Situation um Thomas Müller. Anstatt eine Entscheidung über seinen Kopf hinweg zu treffen, ließ Eberl dem langjährigen Führungsspieler die Wahl, wie es für ihn weitergehen soll – ein respektvoller Umgang mit einer Vereinsikone. Umso mehr irritiert, dass nun ausgerechnet der Aufsichtsrat Müller vor vollendete Tatsachen gestellt haben soll. Der Stil, in dem das geschieht, wirft Fragen auf – nicht zuletzt in Bezug auf die interne Kommunikation und Rollenverteilung.
Trotzdem bleibt festzuhalten: Der große Kaderumbau ist bislang nur in Ansätzen sichtbar. Das liegt auch an der Schwierigkeit, gut verdienende, sportlich nicht mehr zentrale Spieler zu verkaufen. Es ist kein Geheimnis, dass sich Spieler wie Coman, Gnabry oder Goretzka in München sehr wohl fühlen – und sportlich austauschbar wären. Doch bei ihrem aktuellen Gehalt ist ein Wechsel für viele europäische Klubs schlicht nicht darstellbar.
Damit ein Spieler bereit ist, auf das hohe Münchner Gehalt zu verzichten, braucht es ein äußerst attraktives Gesamtpaket beim neuen Klub – sportlich wie finanziell. Wie schwer das in der Praxis umzusetzen ist, zeigte exemplarisch der Fall Bouna Sarr: Sportlich spielte der Franzose kaum eine Rolle, doch sein Vertrag in München war so lukrativ, dass er ihn bis zum Sommer vollständig aussaß, anstatt vorzeitig zu wechseln.
Die Folge: Die notwendige Veränderung des Kaders verläuft schleppend. Eberl versucht gegenzusteuern, doch die bestehenden Strukturen engen seinen Handlungsspielraum ein – nicht zuletzt, weil er intern nicht immer auf Rückendeckung zählen kann.
Ein zentrales Beispiel: Die bereits erwähnte Causa Tah im Sommer. Der Verteidiger hätte die Bayern-Defensive qualitativ verstärken können – doch der Deal scheiterte am Veto des Aufsichtsrats. Die Ablöse sei zu hoch gewesen, es habe keinen Bedarf gegeben. Heute, angesichts der Verletzungssorgen in der Defensive, erscheint die damalige Entscheidung mindestens diskutabel. Es scheint, als hätte Eberl recht gehabt.
Überhaupt scheint der Konflikt zwischen sportlicher Vision und wirtschaftlichem Kontrollgremium zunehmend sichtbar zu werden. Eberl vertritt sportliche Interessen, der Aufsichtsrat wirtschaftliche. Das Spannungsfeld ist nicht ungewöhnlich – aber beim FC Bayern hat es Tradition, dass sich Kontrolleure auch ins operative Geschäft einmischen. Besonders dann, wenn der Sportvorstand beginnt, sich von diesen Altstrukturen zu emanzipieren.
Was Eberl von vielen seiner Vorgänger unterscheidet: Er gibt dem Verein ein Gesicht. Er ist öffentlich präsent, moderiert Themen ruhig und sachlich. Das wirkt vielleicht weniger spektakulär, sorgt aber intern wie extern für Stabilität. Auch das Zusammenspiel mit Sportdirektor Christoph Freund scheint klar definiert, Zuständigkeiten sind erkennbar verteilt – ein Schritt hin zu professionelleren Strukturen im sportlichen Bereich.
Gerade in dieser Kombination lag für viele die Hoffnung auf einen echten Umbruch: moderner, sachlicher, langfristig orientiert. Doch der Weg dahin braucht Zeit, Verlässlichkeit – und Rückendeckung. Dass Eberl nun schon wieder infrage gestellt wird, sagt womöglich mehr über die internen Kräfteverhältnisse beim FC Bayern aus als über seine tatsächliche Arbeit.
Namen wie Mario Gomez oder Markus Krösche kursieren bereits – als mögliche Ergänzung oder gar Ersatz. Doch worauf genau stützt sich diese Debatte eigentlich? Und vor allem: Wer soll es realistischerweise besser machen – mitten in einem Reformprozess, der gerade erst begonnen hat? Und vor allem unter den Umständen, mit denen Eberl zu kämpfen hat.
Es ist unstrittig, dass nicht alles perfekt läuft. Die Trainersuche war unglücklich, der Kaderumbau noch unvollständig, die wirtschaftlichen Belastungen spürbar. Doch in der Gesamtbilanz zeigt sich ein Sportvorstand, der konsequent arbeitet, strategisch denkt und viele der hausgemachten Probleme geordnet angeht.
Dass ausgerechnet jetzt – mitten in einem sportlich vergleichsweise ruhigen und konstruktiven Jahr – an seiner Position gesägt wird, ist schwer nachvollziehbar. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Eberl alles richtig gemacht hat. Sondern: Ob der FC Bayern bereit ist, den Weg eines echten Umbruchs mitzugehen – oder ob er lieber an alten Mustern festhält.